Dienstag, 9. Juni 2009

Konflikt und Versöhnung

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Die Vision eines Christen inmitten des israelisch-palästinensischen Konfliktes

Sowohl Israelis als auch Palästinensern hat der gegenwärtige Konflikt in Gaza nichts als Schmerz und Leiden gebracht. Er hat auch zu Reibereien zwischen Gläubigen geführt, wenn sie sich zur Loyalität nur ihrer eigenen Volksgruppe gegenüber entscheiden. Einige bringen sogar durch Artikel, E-Mails und Bilder auf Facebook unverhohlenen Hass gegen die andere Seite zum Ausdruck.

Vom israelischen Standpunkt aus gesehen ist man um des Friedens willen aus dem Gaza-Streifen abgezogen, und ein islamisches Regime hat die Macht übernommen. Die Rechtfertigung Israels für seinen Kriegszug war, seine Bürger davor zu schützen, dass die Hamas Raketen auf die Siedlungen im Negev abschießt. Weiterhin werden Soldaten an der Grenze zu Gaza zusammengezogen, während sie sich darauf vorbereiten, ihr Volk und Land gegen Terroranschläge zu verteidigen. Sie behaupten, andere hätten schneller und aggressiver gehandelt. Ihr Argument ist, dass es notwendig sei, jetzt anzugreifen, bevor die Hamas weiter reichende Fernlenkgeschosse hat.

Die Palästinenser behaupten, daß obwohl Israel den Gaza-Streifen im Jahr 2006 verlassen habe, die Armee immer noch die Grenzen kontrolliere und den Landstrich dadurch zum größten Freiluftgefängnis der Welt mache. In den letzten 18 Monaten hätten sich 1,5 Millionen Palästinenser in einem Belagerungszustand befunden; ausreichende Lieferungen an Wasser, medizinischer Hilfe und Lebensmittel aus Israel seien verhindert worden. Wie die Palästinenser es sehen, war Israels Rückzug aus Gaza nur ein Vorwand dafür, seine Kontrolle im Westjordanland auszuweiten und weitere Siedlungen zu bauen. Die Palästinenser glauben auch, ein Recht zur Selbstverteidigung zu haben. Sie halten die israelische Reaktion für unverhältnismäßig. Die Zahl der getöteten Israelis sei mit den Hunderten getöteter Palästinenser nicht zu vergleichen.

Jeder an dem Konflikt Beteiligte weist der anderen Seite die volle Verantwortung für den Teufelskreis der Gewalt zu. Keine der Konfliktparteien ist bereit, auf ideologischer oder politischer Grundlage in Friedensgespräche einzutreten. Beispielsweise wird Israel sagen, dass die Hamas von der Ideologie her eine religiöse Organisation sei, die Israel als jüdischen Staat nicht anerkennt. Die Palästinenser hingegen sagen, die palästinensische Autonomiebehörde habe Zugeständnisse gemacht und nichts Wesentliches habe sich entwickelt; alles, was zugenommen habe, seien Siedlungen und Kontrollstellen.

Was ist nun also unsere Rolle als Gläubige in dieser Lage? Wie können wir beim Voranschreiten im Prozess der Versöhnung ein Muster des Messias sein? Sind wir zu sehr damit beschäftigt, die moralische und ethische Position der anderen Seite zu hinterfragen, und deshalb nicht bereit, selber Verantwortung zu übernehmen? Weil unsere Gesellschaften sich zu Krieg und Gewalt entschlossen haben, gibt es einen großen Versöhnungsbedarf. Wir können das dadurch erreichen, dass wir eine priesterliche Rolle von Fürbittern einnehmen und eine prophetische Rolle, die Wahrheit auszusprechen.

Während der Konflikt einige Gläubige entzweit hat, gibt es solche, die Farbe bekennen und ihre priesterliche Rolle ausfüllen. Es hat mich in der vergangenen Woche sehr ermutigt, einen messianischen Pastor zu hören, wie er seine Gemeinde bei einem Bußgebet anführte und insbesondere betonte, dass Buße in Kriegszeiten sowohl vonseiten der Israelis als auch der Palästinenser nötig sei. Wir müssten damit beginnen, unsere eigenen Sünden, Fehler und Mängel auf den Prüfstand zu stellen und die Vergebung und Leitung Gottes zu suchen.

Er las aus dem Propheten Joel vor: "Kehrt um zu mir von ganzem Herzen, mit Fasten und Weinen und Klagen; zerreißt euere Herzen und nicht eure Kleider und kehrt um zu dem Herrn, eurem Gott; denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte, und das Übel gereut ihn." (Joel 2,12-13). Gott wünscht sich, daß wir ehrlich trauern und ihm unsere Herzen wieder zuwenden. Während wir als Gläubige normalerweise für die Menschen in unserer eigenen Gesellschaft beten, müssen wir uns nach Gottes Wesensart ausrichten und auch für die andere Seite bitten, daß seine Barmherzigkeit und sein Erbarmen unter ihnen wirkt.

Zur Zeit des Krieges sind wir auch aufgerufen, eine prophetische Rolle zu übernehmen. Der Prophet Joel war ein Vertreter Gottes und brachte vor allem eine Botschaft, die einen gesellschaftlichen Wandel bewirken sollte. Er sprach die Wahrheit und erinnerte uns daran, für die Witwen, die Waisen und die Fremden Sorge zu tragen. Wenn wir das prophetische Wort aus-sprechen, müssen wir es unverblümt und ohne versteckte Botschaften tun, und wir müssen den Mut haben, unsere Stimme zu erheben, wenn unser Volk sich falsch verhält. In der prophetischen Rolle werden wir daran erinnert, dass wir nicht nur gegen die Ungerechtigkeit sprechen, die unserm eigenen Volk gegenüber begangen wurde, sondern auch andern gegenüber. Wir haben eine Pflicht, uns gegen den Machtmissbrauch und das Blut der Unschuldigen zu äußern, sei es israelisch oder palästinensisch.

Die Welt sieht Krieg als Krieg. Mancher wird sagen: "Im Krieg sterben auch die Unschuldigen, und dagegen können wir nichts machen." Mein Sohn war höchst bekümmert, als sein Freund ihm genau das sagte. Ich zeigte ihm, dass wir im Krieg unsre Stimme für die Unschuldigen erheben müssen. Wir können den Akt des Tötens unschuldiger Menschen nicht rechtfertigen und sagen, es sei Notwehr gewesen. Wir können nicht rechtfertigen, jemanden mit einer Waffe zu töten, nur weil er selbst eine Waffe in der Hand hat. Selbst im Krieg sollte das Töten zum Zwecke der Selbstverteidigung mit Vorsicht und Ehrfurcht geschehen. Der bewaffnete Feind ist ebenfalls eine Person, die nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. Be-sonders in einer Zeit des Krieges müssen wir uns lauter und deutlicher gegen den Machtmissbrauch unserer Regierungen und ihre Rechtfertigung von Macht und Gewalt aussprechen. Krieg bedeutet nicht, dass man freie Hand hat und ohne jede ethische und moralische Einschränkung töten darf.

Während wir uns inmitten eines Krieges befinden, müssen wir also den Willen Gottes ernstlich suchen und kritisch sein. Wir müssen zu Fürbittern für unsre Nation, unsre Führer und die andere Seite werden und Gott bitten, seine Barmherzigkeit und sein Mitleid auszugießen. Wir müssen auch zu Propheten werden und die Botschaft über die Ungerechtigkeit verkünden, die um uns herum geschieht. Wir müssen den Schmerz der Unschuldigen zu mildern versuchen, selbst wenn wir denken, dass unsere Argumentation für den Krieg gerechtfertigt sei. Anstatt mit dem Finger auf andere zu zeigen, sollten wir in uns selbst hineinblicken und Buße tun. Und dann sollten wir mitfühlend auf die andere Seite schauen, mit einer Liebe, die über gesellschaftliche Grenzen, Raketenbeschuss und Luftangriffe hinausgeht.
Jerusalem, 8. Januar 2009

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