Donnerstag, 25. Juni 2009

Kommentar: Die Islamische Republik Iran in der Krise


Kommentar: Die Islamische Republik Iran in der Krise

Szene in Isfahan
Unfähig, auseinander strebende Kräfte zu bündeln: Proteste im Iran (aus einem Youtube-Video).
Wie immer der Machtkampf ausgeht - das Herrschaftssystem, das Ayatollah Khomeiny 1979 einrichtete, hat sich bereits das Urteil gesprochen: Auf Zwang beruhend, ist es unfähig, auseinander strebende Kräfte zu bündeln.

Ist die breite Mehrheit der iranischen Bevölkerung dem System, das seit 30 Jahren besteht, immer noch verpflichtet? Wir wissen es nicht. Doch viele Anzeichen deuten darauf hin: Der Wächterrat ist daran, die Autorität zu verspielen, die Khomeiny sich anmasste und ihm zuwies: als Interpreten der islamischen Offenbarung über der Politik zu stehen. Diese Autoritäts-Stellung hängt zusammen mit dem schiitischen Glauben an den Verborgenen Imam.

Der verborgene Imam…
Die Schiiten leben im Glauben, dass der letzte einer Reihe von Imamen (Anführer der Muslime) nicht starb, sondern vor über 1000 Jahren in die unsichtbare Welt entrückt wurde, dass er im Verborgenen weiterlebt und als allwissender und unfehlbarer Geistlicher das eigentliche Oberhaupt der Gemeinschaft ist. Seine Wiederkunft wird sehnlich erwartet; er soll als Retter (Mahdi) und Erneuerer des Islam das Werk Mohammeds auf Erden vollenden. Bis zum Erscheinen des Mahdi haben - so Khomeiny - die Mullahs stellvertretend zu herrschen und dem islamischen Gesetz, der Scharia, Geltung zu verschaffen.

…und seine sichtbaren Vertreter
Khomeiny profilierte sich im Kampf gegen das modernistische Unterdrücker-Regime des Schahs; er lehnte die Trennung von Staat und Religion (wie in Atatürks Türkei) ab. Zwar soll laut der Verfassung der Islamischen Republik Iran das Volk durch eine Parlament vertreten sein, doch

Wunsch nach mehr Freiheit und einem
Wunsch nach mehr Freiheit und einem besseren Leben: Szene in Isfahan.
Allah gibt das Gesetz und die Mullahs mit dem Revolutionsführer an der Spitze legen es aus. Die Verfassung von 1979 hält fest, dass "während der Abwesenheit des entrückten 12. Imam - möge Allah, dass er baldigst kommt - der Führungsauftrag (Imamat) und die Führungsbefugnis in den Angelegenheiten der islamischen Gemeinschaft dem gerechten, gottesfürchtigen, über die Erfordernisse der Zeit informierten, tapferen, zur Führung befähigten Rechtsgelehrten zusteht".

Zerstrittene Geistliche
Politik ist auf das Erscheinen des Mahdi hin zu treiben - Präsident Ahmadinedschad präsentiert sich als Wegbereiter des Mahdi, worin ihn der Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei unterstützt. Die Islam-Gelehrten, die das Sagen haben, sprachen noch nie mit einer Stimme. Doch die mangelnde Autorität Khameneis, der nie das Kaliber Khomeinys erreicht, lässt das Ringen zwischen ihm und Ex-Präsident Rafsanjani, dem milliardenschweren Leiter des Expertenrats, als Infragestellung des Systems erscheinen.

Schatten auf die Region
Dazu kommt die gesamt-islamische Dimension: Mit dem Mahdi-Glauben haben schiitische Kämpfer (Hisbollah!) in den letzten Jahren zunehmend Sunniten angesteckt, die den Missständen in der arabischen Welt nicht mehr passiv zusehen mögen. Die von Khamenei gedeckte hemmungslose Hetze Ahmadinedschads gegen Israel und das nukleare Hegemoniestreben destabilisieren die unruhigste Gegend auf dem Globus.

Rücksichtlos - auf dem Buckel der Frauen

Bezaubernd elegant - doch von den i
Bezaubernd elegant - doch von den islamischen Prachtbauten haben die Iraner nicht gelebt.
Rücksichtslosigkeit gegen aussen und innen ist das Markenzeichen der Mullahs. Khomeiny trieb im Krieg gegen den Irak Hunderttausende Soldaten in den Tod. Der Märtyrerkult kann im 21. Jahrhundert nicht mehr übers Versagen des Regimes hinwegtäuschen. Widerstand kommt nicht zuletzt von Frauen, sie sich von einer unmenschlichen islamischen Unterdrückung befreien wollen.

Frauen, Städter und Studenten
Die Professorin Zahra Rahnavard, die Gattin von Ahmadinedschads Gegenspieler Moussavi, hat über eine Million Unterschriften gegen die Diskriminierung der iranischen Frauen gesammelt. Ein zunehmender Teil der jungen Generation der Perser hat von den Ayatollahs, ihren Profiteuren, Schlägern und Schergen die Nase voll. Städter und Studenten - noch eine Minderheit der Bevölkerung - suchen Freiheit und Austausch mit dem Rest der Welt. Können sie die drangsalierte und desinformierte Landbevölkerung, der eher die hohe Inflation Mühe bereitet, anstecken?

Wie DDR - oder wie China?
Der Aufstand gegen Zwang und Lüge scheiterte vor 20 Jahren in China; er gelang - von Christen mit inspiriert - in der DDR. Nun wird er im Iran in einer islamisch getrimmten Gesellschaft versucht. Und dies, obwohl die schiitischen Hardliner erneut alle Kandidaten, die ihnen nicht passten, aus dem Rennen um die Präsidentschaft ausgeschlossen hatten. So fand der Frust sein Ventil in Moussavi.

Viel hängt davon ab, ob die Opposit
Viel hängt davon ab, ob die Oppositionsbewegung die Basar-Geschäftsleute auf ihre Seite ziehen kann.
Mit Gewalt mag es den Machthabern nochmals gelingen, ihren Kurs fortzusetzen - die Herzen eines Grossteils der Menschen haben sie verloren. So sind sie auf dem Weg, ihr System selbst zu demontieren. Sie haben den Islam monopolisiert; mit ihrer Herrschaftsweise wird die Religion Mohammeds selbst mehr in Frage gestellt. Dem Iran stehen unruhige Zeiten bevor.

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