Sonntag, 21. Juni 2009

Iran-Proteste via YouTube, Facebook und Twitter



"Das Bild einer autoritären Gesellschaft wird gebrochen"

Rund 22 Millionen Menschen im Iran sind online, das Land verfügt über modernste Technologie und Infrastruktur. Das passt nicht zum vielfach zitierten Bild einer eher hinterwäldlerischen Gesellschaft. Ebensowenig, wie die Millionen, die für ihre Rechte mutig auf die Straße gehen, dem Bild einer autoritären, geschlossenen Gesellschaft entsprechen. Dass sich dieses Bild nun wandelt, ist auch ein Verdienst des Internets, meint der Kommunikationswissenschaftler Marcus Michaelsen.

tagesschau.de: Herr Michaelsen, welchen Stellenwert haben soziale Netzwerke wie Facebook, Foto-Foren wie Flickr oder der Kurznachrichtendienst Twitter in dem Konflikt im Iran?

Marcus Michaelsen: Solche Internet-Dienste gewinnen angesichts der massiven Behinderungen der Berichterstattung große Bedeutung. Dienste wie Twitter, YouTube und Facebook machen es momentan möglich, dass überhaupt noch aus dem Iran Informationen über die Proteste fließen und die Protestierenden ihre Aktionen untereinander abstimmen können. Und dadurch, dass wir im Ausland verfolgen können, was im Iran passiert, erhöht sich natürlich auch der Druck auf die Regierung in Teheran.

tagesschau.de: Kann das Internet am Ende vielleicht sogar dazu beitragen, dass die Opposition Erfolg hat und Mussawi doch noch Präsident wird?

Michaelsen: Das Internet hilft den Protestierenden sicherlich und erleichtert die Kommunikation intern und auch mit dem Ausland sehr. Aber ich denke nicht, dass das Internet so eine starke Wirkung hat, dass es dazu beitragen kann, dass die Regierung am Ende die Kontrolle verliert. Da spielen andere Faktoren eine Rolle.

ARD-Brennpunkt: Machtprobe im Iran Linkliste: Weitere Meldungen Der vernetzte Aufstand Links zu YouTube, Twitter, Facebook und andere Netzwerken [mehr]

tagesschau.de: Welche wären das?

Michaelsen: Es kommt jetzt vor allem darauf an, wie entschlossen die Proteste fortgesetzt und wie sehr die unterlegenen Kandidaten Mussawi und Karrubi weiterhin unterstützt werden. Dass die Verbindung von politischen Figuren und der Bevölkerung bestehen bleibt.

tagesschau.de: Verändert das Internet die iranische Gesellschaft? Und trägt es vielleicht sogar zum besseren Verständnis zwischen dem Iran und dem Westen bei?

Michaelsen: Die iranische Gesellschaft in den Städten war schon immer aufgeschlossen und westlich orientiert. Das Internet hat diese Tendenz durchaus unterstützt. Es gibt außerdem einen regen Austausch zwischen Exiliranern - also denjenigen, die nach der Revolution in die USA und nach Europa gegangen sind - und den Menschen im Land. Jetzt hat sich durch das Internet vor allem der Blick des Westens auf den Iran geändert: Durch die Proteste, die via Internet in aller Welt zu sehen sind, wird das Bild einer geschlossenen, autoritären Gesellschaft gebrochen. Wir sehen nicht mehr nur ein autoritäres Regime, das nach der Atombombe strebt, sondern auch eine lebendige Zivilgesellschaft: Menschen, die Demokratie für sich und ihr Land einfordern.

Marcus Michaelsen Marcus Michaelsen...: ... Jahrgang 1974, ist Autor verschiedener Arbeiten zum Thema Iran. Sein Forschungsschwerpunkt ist der Einfluss des Internets auf Demokratisierungsprozesse, unter anderem im Iran.

Es gab und gibt Repression

tagesschau.de: Iran ist für seine vielen Blogger bekannt. Wie gefährdet sind die im Moment?

Michaelsen: Es gab und gibt immer wieder Repressionen gegen kritische Blogger. Bekannte politische Blogs werden im Iran gefiltert, die Autoren müssen mit Geld- und Gefängnisstrafen rechnen. Schon vor den Wahlen und der aktuellen Krise saßen mehrere Blogger in Haft. Im Zuge der Proteste wurde jetzt einer der bekanntesten Blogger, Mohammed Ali Abtahi, der ein sehr enger Berater des zweiten Reformkandidaten war, verhaftet. Der hatte im Internet sehr offen und anschaulich über Teilnahme an Demonstrationen in Teheran berichtet.

tagesschau.de: Wie erklärt es sich überhaupt, dass im Iran so viele Menschen online so aktiv sind?

Michaelsen: Man geht davon aus, dass zur Zeit ungefähr 22 Millionen von rund 70 Millionen Iranern das Internet nutzen. Das rührt daher, dass das Land einerseits recht gut entwickelt ist. Der Iran verfügt über eine gute Infrastruktur und Telekommunikation. Zum anderen gibt es im Iran viele junge Menschen, die zudem gut ausgebildet sind. Und schließlich gibt es von staatlicher Seite ein großes Interesse daran, Technologien zu nutzen. Man sieht das an der Nukleartechnologie, die der Iran gern hätte. Genauso war es einige Jahre zuvor auch beim Internet. Nach dem Jahr 2000 wurde der Ausbau des Internets im Iran stark gefördert - zwar mit bestimmten Maßgaben - aber die Infrastruktur wurde geschaffen.

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Iran steht China in nicht viel nach

tagesschau.de: Noch einmal zum Thema Zensur. Gesetzt den Fall, dass die Proteste abflauen und die alte Regierung im Amt bleibt: Muss man befürchten, dass es dann sehr schnell vorbei sein könnte mit der medialen Offenheit?

Michaelsen: Der Iran steht China in Sachen Internet nicht viel nach. Die Bilder, die wir im Moment auf YouTube und ähnlichen Seiten sehen können, werden unter großen Schwierigkeiten übermittelt. Denn YouTube oder Twitter sind im Iran gesperrt und können nur über Umwege erreicht werden. Es steht aber zu befürchten, dass die Zensur noch ausgeweitet wird, sollte die Regierung mit ihrem Kurs Erfolg haben. Zum Beispiel wurde in der iranischen Regierung bereits eine Art Intranet diskutiert - also ein rein iranisches Netz, ergänzt nur durch ausgewählte internationale Seiten.

Die Fragen stellten Nicole Bölhofff für EinsExtra und Jan Oltmanns für tagesschau.de


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